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Vitamin D verlängert das Leben

Es wird in der Haut gebildet und mit der Nahrung aufgenommen. Doch die meisten Menschen haben zu wenig davon

Herz-, Diabetes- und Krebspatienten tragen ein erhöhtes Sterberisiko, wenn sie weniger als die empfohlene Tagesdosis von zehn Mikrogramm Vitamin D zu sich nehmen. Auch auf den Verlauf anderer Krankheiten nimmt eine Unterversorgung mit dem Vitamin einen negativen Einfluss, wie medizinische Erfahrungen der vergangenen Jahre gezeigt haben. Auf die Entstehung solcher Krankheiten hat das Vitamin mit großer Wahrscheinlichkeit aber keinen Einfluss. Dennoch liegt der Umkehrschluss nahe, dass eine ausreichende Versorgung das Leben verlängert. Europäische Forscher bestätigen diese Vermutung. In der September-Ausgabe der "Archives of Internal Medicine" schreiben sie: "Die Einnahme zusätzlicher Dosen an Vitamin D scheint die Sterblichkeitsrate zu senken."

Philippe Autier von der Internationalen Gesellschaft f√ľr Krebsforschung in Lyon und Sara Gandini vom italienischen Institut f√ľr Onkologie in Mailand haben eine sogenannte Metastudie zur Wirkung einer Zusatzversorgung mit Vitamin D unternommen. Dazu werteten sie 18 vor 2007 ver√∂ffentlichte Untersuchungen mit insgesamt mehr als 57 000 Teilnehmern aus.


Nach der Metastudie sinkt das Sterberisiko f√ľr einen Kranken statistisch um sieben Prozent, wenn er zus√§tzlich mit Vitamin D versorgt wird "Der Mechanismus, √ľber den das Vitamin die Sterblichkeit senkt, ist allerdings unklar", schreiben Autier und Gandini. Eine einzige Ursache-Wirkung-Beziehung zu finden wird aber m√∂glicherweise gar nicht gelingen, denn Vitamin D entfaltet an vielen Stellen und bei den unterschiedlichsten Vorg√§ngen im K√∂rper seine Wirkung. Seit Langem ist bekannt, dass Vitamin D den Phosphor- und Kalziumhaushalt des K√∂rpers regelt.

Der Einfluss des Vitamins auf die Knochenstabilit√§t und damit auf Rachitis bei Kindern beziehungsweise Osteomalazie (Knochenerweichung) und Osteoporose bei √§lteren Menschen wird damit direkt verst√§ndlich. Weiterhin aber ist Kalzium ein √ľberaus wichtiger Regulator bei lebenswichtigen Stoffwechselvorg√§ngen und Reaktionen in den K√∂rperzellen. Ein von Vitamin D fehlgesteuerter Kalziumhaushalt k√∂nnte damit eine Ursache f√ľr unterschiedliche Leiden sein. Die genauen molekularen Zusammenh√§nge sind jedoch in den meisten F√§llen noch unbekannt.

Eine Ausnahme bildet die Entdeckung von Philip Liu von der University of California und Steffen Stenger von der Universität Erlangen. Unter ihrer Leitung konnte eine internationale Arbeitsgruppe nachweisen, dass Vitamin D eine entscheidende Rolle spielt bei der Abwehr von Mikroorganismen durch das Immunsystem. Michael Hooten vom Schmerz-Rehabilitationszentrum der Mayo-Kliniken fand einen Zusammenhang zwischen Schmerzempfindlichkeit und dem Vitamin. Schwer kranke Patienten mit einem niedrigen Vitaminspiegel hatten eine stärkere Schmerzempfindung und brauchten mehr Morphium. Nach einer Untersuchung von Peter Black von der University of Auckland verschlechtert ein sinkender Vitaminspiegel die Lungenfunktion.

In der angloamerikanischen Literatur taucht häufig die Bezeichnung "sunshine vitamin" auf, da Vitamin D unter Einfluss des Sonnenlichts in der Haut gebildet wird. Eine zweite Vitaminquelle stellt die Nahrung, speziell fettreicher Fisch dar. Insbesondere in den jetzt beginnenden Wintermonaten mit weniger Tageslicht und niedrigem Sonnenstand haben Menschen in den höheren Breiten Nordamerikas und Europas einen niedrigen Gehalt des Vitamins im Blut.

Ausschlaggebend f√ľr die Vitaminproduktion in der Haut ist der Anteil an Ultraviolett-B-Strahlung (UV-B), und die wird vom √Ąquator Richtung Norden und S√ľden zunehmend geringer. Je nach √∂rtlichen Gegebenheiten und Wetterverh√§ltnissen reicht oberhalb von etwa 52 Grad n√∂rdlicher Breite das Sonnenlicht nicht mehr aus, um im Winter Vitamin D in der Haut zu bilden. Das entspricht etwa der Linie M√ľnster-Bielefeld-Guben an der polnischen Grenze. Parallel dazu beobachten Mediziner eine Zunahme der multiplen Sklerose (MS) von S√ľden nach Norden in Nordamerika und Europa.

Dazu passt, dass MS-Kranke einen sehr niedrigen Vitamin-D-Spiegel im Blut aufweisen, der zudem bei jedem Schub noch weiter absinkt. Dasselbe trifft auf die rheumatische Arthritis zu. Doch in beiden F√§llen ist nicht ganz klar, ob wirklich das Vitamin f√ľr ein Fortschreiten der Leiden verantwortlich ist oder andere mit dem Licht verbundene Faktoren - oder wom√∂glich der Lichteinfluss selbst.

Direktes Sonnenlicht √ľbt auf die menschliche Gesundheit unterschiedliche Wirkungen aus. W√§hrend UV-Strahlung die Produktion von Vitamin D ankurbelt, kann sie andererseits Hautkrebs verursachen. Weniger bekannt ist, dass Sonnenlicht ein sehr wichtiges Vitamin, die Fols√§ure zerst√∂rt. Dieselbe UV-Strahlung, die Vitamin D aufbaut, vernichtet in der Haut Fols√§ure in erheblichem Ausma√ü.

Fols√§uremangel bei einer Schwangeren f√ľhrt beim Kind zum offenen R√ľcken, einer schweren Fehlbildung. Bei M√§nnern beeintr√§chtigt Fols√§uremangel die Spermienbildung. Eine ausreichende Versorgung mit dem Vitamin ist also besonders wichtig f√ľr die Fortpflanzung. Eine Theorie geht deshalb davon aus, dass die Hautfarbe der Menschen in verschiedenen Regionen ein Kompromiss ist. Sie wurde w√§hrend der Evolution so angepasst, dass √ľber das Sonnenlicht gerade ausreichend Vitamin D produziert und gleichzeitig m√∂glichst wenig Fols√§ure zerst√∂rt wird.

In einem Kommentar zur Arbeit von Autier und Gandini vermutet Edward Giovannucci von der Harvard School, dass die Versorgung mit Vitamin D zu Beginn der Evolution noch ausreichend war. Erst mit der Einwanderung in nördliche Breiten verschlechterte sich die Situation. "Aus vielen Studien geht hervor, dass die Versorgung mit Vitamin D bei vielen Menschen zur Erhaltung eines optimalen Gesundheitszustands nicht mehr ausreicht", schreibt Giovannucci in den "Archives". Es bestehe daher dringender Bedarf, den Sinn zusätzlicher Vitamingaben zu diskutieren.

7. Oktober 2007

Quelle:Welt am Sonntag

Von Rolf H. Latusseck

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